
Anthropic hat am Abend des 12. Juni 2026 den Zugang zu seinen beiden leistungsstärksten KI-Modellen Fable 5 und Mythos 5 für sämtliche Kunden abgeschaltet. Auslöser ist eine Exportkontroll-Anweisung der US-Regierung, die sich auf nationale Sicherheitsbefugnisse beruft und den Zugriff durch jegliche ausländischen Staatsbürger untersagt – sowohl innerhalb als auch außerhalb der USA und ausdrücklich auch durch ausländische Anthropic-Mitarbeiter.
Nach Angaben des Unternehmens traf die Anweisung um 17:21 Uhr Ostküstenzeit ein. Weil sich ausländische von inländischen Nutzern nicht in Echtzeit zuverlässig trennen lassen, sah sich Anthropic gezwungen, beide Modelle vollständig und weltweit zu deaktivieren, um die Vorgabe einzuhalten. Der Zugang zu allen übrigen Anthropic-Modellen bleibt davon unberührt.
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Was genau angeordnet wurde
Der Vorgang gilt als bemerkenswerter Präzedenzfall: Es ist nach Einschätzung mehrerer US-Medien das erste Mal, dass ein führendes KI-Unternehmen ein bereits öffentlich ausgerolltes Modell auf direkte Intervention der US-Bundesregierung hin abschaltet. Laut Axios verschickte Handelsminister Howard Lutnick den Brief an Anthropic-Chef Dario Amodei; federführend ist das US-Handelsministerium (Commerce Department).
Eine Exportkontroll-Anweisung beschränkt die Weitergabe bestimmter Technologien an ausländische Personen. Im konkreten Fall zielt sie auf Fable 5 und Mythos 5 – Anthropics jüngste und leistungsfähigste Modelle, die erst wenige Tage zuvor vorgestellt worden waren. Fable 5 war dabei das erste derart fortschrittliche Modell, das Anthropic mit neuen Schutzmechanismen für die breite Öffentlichkeit freigab; es baut auf der Mythos-Preview-Linie und der Cybersecurity-Initiative Project Glasswing auf.
Der Auslöser: ein umstrittener Jailbreak
Den Kern des Streits bildet die Frage, ob die Modelle ein Sicherheitsrisiko darstellen. Die Regierung geht nach Darstellung von Anthropic davon aus, dass eine Methode existiert, um die Schutzvorkehrungen von Fable 5 zu umgehen – ein sogenannter Jailbreak. Einem Bericht von Axios zufolge wurde das Handelsministerium aktiv, nachdem ein anderes Unternehmen behauptet hatte, Mythos ausgehebelt zu haben.
Anthropic widerspricht der Einordnung deutlich. Das Unternehmen erklärt, die vorgeführte Technik habe lediglich eine kleine Zahl bereits bekannter, geringfügiger Schwachstellen aufgedeckt. Diese seien simpel und ließen sich auch von anderen öffentlich verfügbaren Modellen finden – darunter OpenAI’s GPT-5.5. Der einzige bislang nur mündlich belegte Hinweis bestehe im Kern darin, das Modell zu bitten, einen bestimmten Programmcode zu lesen und Softwarefehler zu beheben – eine Fähigkeit, die Verteidiger in der IT-Sicherheit täglich nutzen. Ein klassischer CVE-Eintrag oder ein CVSS-Score liegt für den Vorfall nicht vor, da es sich nicht um eine Produktschwachstelle im herkömmlichen Sinn, sondern um eine sicherheitspolitische Maßnahme handelt.
Anthropic betont, dass die Schutzmechanismen vor dem Launch tausende Stunden gemeinsam mit der US-Regierung, dem britischen AI Safety Institute und externen Organisationen getestet wurden und dass bislang kein universeller Jailbreak gefunden worden sei. Das Unternehmen verfolge eine „Defense-in-Depth“-Strategie inklusive 30-tägiger Datenspeicherung, um Angriffe schnell zu erkennen.
Wer betroffen ist und was jetzt gilt
Betroffen sind alle Nutzer von Fable 5 und Mythos 5 weltweit – Privatkunden wie Unternehmen, unabhängig von der Staatsangehörigkeit. Wer eines dieser beiden Modelle produktiv einsetzt, muss kurzfristig auf andere Anthropic-Modelle ausweichen, die laut Unternehmen uneingeschränkt verfügbar bleiben. Bestehende Arbeitsabläufe, Integrationen oder API-Anbindungen, die gezielt Fable 5 oder Mythos 5 ansprechen, funktionieren bis auf Weiteres nicht mehr.
Anthropic kündigte an, weitere Details innerhalb der folgenden 24 Stunden zu veröffentlichen. Das Unternehmen kommt der Anweisung nach, hält sie aber für ein Missverständnis und arbeitet eigenen Angaben zufolge daran, den Zugang so schnell wie möglich wiederherzustellen. Offen ist, ob das Handelsministerium die Anordnung formal dokumentiert, präzisiert oder einschränkt – und wie konkurrierende KI-Labore reagieren, nachdem nun gezeigt wurde, dass ein Spitzenmodell per Regierungsanweisung vom Markt genommen werden kann.
Unterm Strich markiert die Sperre einen Wendepunkt im Verhältnis von KI-Industrie und Staat: Erstmals greift die US-Regierung direkt in den laufenden Betrieb eines öffentlich verfügbaren Spitzenmodells ein. Für Anwender in Deutschland zählt zunächst die praktische Konsequenz – Fable 5 und Mythos 5 sind vorerst nicht nutzbar, alle anderen Modelle bleiben es. Ob es bei einer kurzen Unterbrechung bleibt oder ein längerer Präzedenzfall entsteht, hängt von der Klärung in den kommenden Tagen ab.