
Es ist eine Nachricht, die in der Tech-Welt für Aufsehen sorgt und die gestern, am 4. Februar, an der Technischen Universität München (TUM) verkündet wurde: Forschern ist es gelungen, den EU-weit ersten KI-Chip in moderner 7-Nanometer-Technologie zu entwickeln.
Unter der Leitung von Prof. Hussam Amrouch hat der Lehrstuhl für KI-Chip Design damit einen technologischen Beweis angetreten: Europa muss bei der Halbleiter-Entwicklung nicht länger nur Zuschauer sein. Ich habe die Hintergründe dieses Durchbruchs analysiert und erkläre, warum dieser Chip für die deutsche Automobil- und Verteidigungsindustrie wichtiger ist als bloße Rechenleistung.
Unabhängigkeit von Asien und den USA
Die geopolitische Lage – von der Pandemie bis zu globalen Handelskonflikten – hat gezeigt, wie fragil Lieferketten sind. TUM-Präsident Thomas Hofmann betonte gestern die Dringlichkeit, die Abhängigkeit von Asien und den USA zu reduzieren. Der neue neuromorphe Chip, der auf dem Standard des Weltmarktführers TSMC basiert, ist der erste Schritt. Der Plan von Prof. Amrouch ist ambitioniert: Seine Forschungsgruppe will künftig jährlich mindestens drei neue Chip-Designs entwerfen. Die Perspektive ist klar: Ab 2028 sollen diese Designs nicht mehr nur im Labor existieren, sondern in der European Semiconductor Manufacturing Company (ESMC) in Dresden in Massenfertigung gehen. Damit würde die gesamte Wertschöpfungskette – vom Design bis zur Fertigung – in Deutschland liegen.
Der Ferrari-Vergleich: Warum Edge AI effizienter ist
Technologisch grenzt sich der Münchner Ansatz bewusst von US-Giganten wie NVIDIA ab. Während diese auf riesige Cloud-Rechenzentren setzen, verarbeitet der TUM-Chip die Daten lokal direkt am Gerät (Edge AI).

Prof. Amrouch nutzte gestern einen treffenden Vergleich: „Sie können sich einen Ferrari kaufen, sind damit aber in der Stadt nicht unbedingt schneller. Ein E-Bike ist hier effizienter.“ Der auf dem Open-Source-Standard RISC-V basierende Chip ist dieses „E-Bike“. Er ist kein Alleskönner, sondern wird maßgeschneidert für spezifische Aufgaben angepasst – etwa um Hirnsignale in medizinischen Implantaten auszuwerten oder Sprachmodelle direkt im Auto zu betreiben. Das spart Energie und erhöht die Effizienz drastisch.
Sicherheit als Währung: Schutz vor Trojanern
Der wohl wichtigste Aspekt für die bayerische Wirtschaft ist jedoch die Sicherheit. Da die Daten das Gerät nicht verlassen, ist die Privatsphäre der Nutzer technisch garantiert („Privacy by Design“). Noch kritischer ist der Aspekt der Cybersicherheit für die Industrie. Wer Chips in Asien kauft, geht das Risiko von eingebauten Hintertüren (Trojanern) ein. „Wer den Chip designt und baut, weiß, was drinsteckt“, so Amrouch. Für die Verteidigungsindustrie (z.B. bei Drohnen) oder die Automobilbranche ist dieses Vertrauen essenziell. Ein Chip „Made in Bavaria“ garantiert, dass keine fremde Macht den „Aus-Schalter“ drücken kann.
Das Ökosystem MACHT-AI
Der Erfolg kommt nicht aus dem Nichts. Erst vor drei Monaten wurde das Forschungszentrum MACHT-AI an der TUM eröffnet, gefördert von den bayerischen Wissenschafts- und Wirtschaftsministerien. Wissenschaftsminister Markus Blume sprach gestern von einem „KI-Coup“ und bezeichnete die TUM als das Herzstück des bayerischen Halbleiter-Ökosystems. Auch Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger sieht darin den Beweis, dass Bayern die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz nicht nur mitmacht, sondern aktiv gestaltet.
Im Endeffekt
Die Präsentation vom 4. Februar ist mehr als ein akademischer Erfolg. Sie ist der Startschuss für eine neue Generation von Ingenieuren, die hierzulande lernen, wie man Hochleistungs-Chips entwirft. Wenn 2028 die Bänder in Dresden anlaufen, könnte dieser 7-nm-Chip der Grundstein für eine echte europäische Tech-Souveränität sein.