20:20 UTC: Wie 6,3 Milliarden Dollar in zwanzig Minuten von Binance verschwanden

Es brauchte keinen gestohlenen Private Key. Der Angreifer legte 50 vorsignierte Vollmachten in eine einzige Transaktion – eine davon musste zwangsläufig greifen. Dreieinhalb Minuten später war die Hot Wallet der größten Kryptobörse der Welt leer. Was dann folgte, war ein Wettlauf, der nach 41 Minuten begann und bis heute läuft.

Am Donnerstagabend, dem 29. Oktober 2026, um 20 Uhr 20 koordinierter Weltzeit, ging bei Binance eine Transaktion ein, die unauffällig aussah und es nicht war. Was danach passierte, ist nach übereinstimmender Einschätzung mehrerer Analysefirmen der größte Kryptodiebstahl, den es je gegeben hat – rund viermal so groß wie der Angriff auf Bybit im Februar 2025, der bis Donnerstag den Rekord hielt. Über die exakte Summe gehen die Angaben leicht auseinander, was bei einem Diebstahl über zehn Blockchains hinweg kein Wunder ist: Binance selbst spricht von rund 6,3 Milliarden Dollar betroffener Vermögenswerte, Chainalysis kommt auf etwa 5,9 Milliarden, Elliptic auf 6,43 Milliarden, und TRM Labs beziffert die Beute auf rund 6,36 Milliarden Dollar, gerechnet zu den Kursen im Moment des jeweiligen Abflusses.

Die Vorbereitung lief seit mindestens 36 Stunden

Das Bemerkenswerte an diesem Angriff ist nicht die Summe. Es ist die Geduld.

Am 28. Oktober begannen kleine Abhebungen über den Mixer Tornado Cash, die eine Betreiber-Wallet mit Startkapital versorgten. Am frühen 29. Oktober wurde der Angriffscode auf zwei Wallets ausgerollt und getestet, später am selben Tag folgte ein letzter Probelauf auf einer dritten. Rund vier Stunden danach installierten die Angreifer denselben Code auf einer Hot Wallet von Binance.

Der technische Kern nutzt eine Funktion, die Ethereum im Mai 2025 mit dem Pectra-Upgrade eingeführt hat: EIP-7702. Damit kann eine gewöhnliche Wallet ihr Verhalten per signierter Vollmacht an einen Smart Contract delegieren – gedacht war das als Komfortfunktion, damit Wallets Dinge wie gebündelte Transaktionen oder fremdbezahlte Gebühren unterstützen können. Der Angreifer bereitete 50 solcher Vollmachten vor, jede signiert von der Binance-Wallet, jede ausgestellt auf einen anderen Transaktionszähler. Weil dieser Zähler bei einer aktiven Börsen-Wallet permanent weiterläuft, war garantiert, dass eine der 50 Signaturen passen würde, sobald man sie alle gemeinsam einreicht. Jede einzelne zeigte auf einen Sweeper-Contract, der nur Anweisungen vom Angreifer entgegennahm.

Um 20:20 UTC ging das gesamte Paket in einer einzigen Transaktion raus.

Dreieinhalb Minuten später war der komplette Bestand der Wallet unterwegs: 167.464 ETH und 1,615 Milliarden USDT in einem Zug. Die Delegation blieb danach aktiv – eingehende Einzahlungen wurden bis kurz vor Mitternacht mehrfach nachgeräumt, in insgesamt mehreren Wellen zwischen 20:41 und 23:56 Uhr.

Zehn Blockchains, nicht eine

Wer den Vorfall als Ethereum-Problem liest, unterschätzt ihn erheblich.

Parallel liefen Abflüsse auf neun weiteren Ketten, zeitlich gestaffelt wie ein Fahrplan. Zwischen 20:05 und 20:09 verschoben fünf Binance-Wallets 233,46 Millionen XRP, gegen 20:10 folgten Solana und Optimism. Um 20:20, in derselben Minute wie das Vollmachtenpaket, verließen 18.270 Bitcoin eine Binance-Wallet und wurden über eine sogenannte Peel Chain zerstückelt – allein dieser Teil entspricht rund 1,47 Milliarden Dollar und wäre für sich genommen schon größer gewesen als der gesamte Bybit-Hack. Innerhalb von zwei Minuten gingen auf Tron 612,7 Millionen USDT und 46,4 Millionen TRX ab, gegen 23:05 kamen Avalanche und Polygon dazu. Nach Ketten aufgeteilt entfallen rund 3,79 Milliarden Dollar auf Ethereum, 1,47 Milliarden auf Bitcoin, etwa 628 Millionen auf Tron, 296 Millionen auf den XRP Ledger und 96 Millionen auf Solana.

Der Laptop erklärt nicht alles

Binance nannte als ersten Befund einen kompromittierten Laptop eines DevOps-Ingenieurs, über den sich Zugang zu einem Service-Container verschaffen ließ, aus dem heraus Auszahlungen eingereicht werden konnten. Ein Private Key sei dabei nicht abgeflossen.

Co-CEO Richard Teng stellte allerdings früh klar, dass niemand einfach die Rechte eines einzelnen Mitarbeiters benutzt habe und dies keine Ein-Klick-Aktion gewesen sei. Inzwischen spricht das Unternehmen von weiteren Einfallstoren, und diese Vorsicht hat einen guten Grund: TRM Labs weist darauf hin, dass sich die Ethereum-Vorgänge zwar mit Phishing erklären ließen, die Transfers auf den anderen neun Ketten aber nicht. Dort handelte es sich um gewöhnliche signierte Transaktionen. Die Analysten gehen deshalb davon aus, dass die Signatur-Infrastruktur der Hot Wallets selbst kompromittiert war. Eine offizielle Ursachenanalyse hat Binance bislang nicht veröffentlicht.

Genau hier liegt das unangenehme Prinzip hinter diesem Fall. Eine gültige Signatur ist eine gültige Signatur – die Blockchain kann nicht unterscheiden, ob dahinter eine autorisierte Entscheidung stand oder ein übernommener Prozess. Es musste nichts geknackt werden, was als geknackt erkennbar gewesen wäre. Die Transaktionen sahen bis zum Schluss aus wie das, was eine Börse den ganzen Tag über tut.

41 Minuten bis zum ersten Einfrieren

Um 21:01 UTC fror Tether die ersten USDT ein. Um 21:04 folgte Circle mit USDC, um 22:01 Ripple, um 22:10 World Liberty Financial, und um 00:08 sperrte der Security Council von Arbitrum rund 30 Millionen Dollar in ETH und ARB. Tether-Chef Paolo Ardoino meldete mehr als 1,567 Milliarden eingefrorene USDT, Circle-Chef Jeremy Allaire über 800 Millionen USDC – in Summe liegen inzwischen rund 2,7 bis 3 Milliarden Dollar fest.

Diese Zahlen sind mit Vorsicht zu lesen. Eine Nachzählung direkt in den Contracts kam auf gesichert 1,18 Milliarden USDT und 823 Millionen USDC; rund 700 Millionen USDT waren zu diesem Zeitpunkt bereits weiterbewegt. Elliptic schätzt zudem, dass etwa 3,3 Milliarden Dollar in rund 43 Wallets liegen, an die kein Emittent herankommt.

Bitcoin und Ether lassen sich schlicht nicht einfrieren. Das ist der eigentliche Grund, warum dieser Fall anders endet als die Pressemitteilungen vermuten lassen.

Was der Angreifer in der Zwischenzeit tat

Die interessanteste Reaktion kam nicht von Binance, sondern aus dem DeFi-Sektor. Während die Emittenten einfroren, versuchte der Angreifer, seine blockierbaren Bestände in nicht blockierbare umzutauschen – schnell genug, um den Sperren zuvorzukommen.

Rund 325 Millionen USDT gingen an Market Maker, im Tausch gegen etwa 122.300 ETH, zu einem Abschlag von über zehn Prozent auf den Marktpreis. Ein Teil dieser Tranche wurde trotzdem eingefroren. Auf Tron wanderten USDT in das Lending-Protokoll JustLend und über Zwischenadressen durch Uniswap, knapp 48 Millionen RLUSD wurden an dezentralen Börsen verkauft, bevor Ripple den Rest sperrte.

Dazu kommt der Trick, der in sozialen Netzwerken die Runde machte: etwa 60 Millionen USDT wurden bei Aave hinterlegt und ETH dagegen geliehen. Die Logik dahinter ist simpel und ziemlich bitter – geliehenes ETH kann niemand einfrieren, während die Schuld einfach im Protokoll stehen bleibt. Bei einer überbesicherten Position gibt es für den Schuldner keinen Grund zur Rückzahlung, und eine Sperre der Wallet ändert nichts an USDT, die bereits im Contract liegen.

Aave fror daraufhin betroffene Märkte ein. Ein Entwickler begründete das damit, dass bloße Null-Obergrenzen für Kredite zwar das Leihen gestoppt, aber weitere Einzahlungen gestohlener Mittel zugelassen hätten. Die kursierende Angabe, der Angreifer habe dabei 19.762 ETH herausgeholt, stammt aus einem Social-Media-Post und ist bislang nicht bestätigt.

Was es für Kunden heißt

Binance hat Ein- und Auszahlungen vorerst gestoppt und die Autorisierung der betroffenen Adresse widerrufen. Das Unternehmen kündigte an, sämtliche Verluste über den SAFU-Fonds und eigene Mittel zu decken; Gründer CZ erklärte, die Kundengelder seien sicher. Eine Wiederaufnahme der Auszahlungen wurde für das Wochenende in Aussicht gestellt, nach einer Überarbeitung des Auszahlungsdienstes – bestätigt ist dieser Termin nicht. An den Märkten hinterließ der Vorfall unterdessen deutliche Spuren: Bitcoin fiel bis auf 76.400 Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit dem 18. September, Ether kurzzeitig auf 2.170 Dollar, die Liquidationen im Futures-Handel vervierfachten sich auf 1,57 Milliarden Dollar, und BNB verlor mit 6,2 Prozent am stärksten unter den großen Werten.

Für Binance-Kunden gilt in dieser Phase vor allem eines: Informationen ausschließlich über die offiziellen Kanäle beziehen. Nach einem Vorfall dieser Größe folgt verlässlich eine zweite Welle aus gefälschten Support-Nachrichten, angeblichen Erstattungsformularen und Wallet-Verifizierungen. Wer jetzt unaufgefordert kontaktiert und nach Zugangsdaten oder Seed Phrase gefragt wird, hat es mit dem Nachspiel zu tun, nicht mit Binance.

Wer dahintersteckt

TRM Labs und Chainalysis ordnen den Angriff mit hoher Zuversicht der nordkoreanischen Einheit TraderTraitor zu, auch bekannt als Lazarus Group beziehungsweise APT38 – dieselbe Gruppe, die das FBI für den Bybit-Hack verantwortlich machte. Als Indizien gelten die kleinen Tornado-Cash-Abhebungen zur Finanzierung, die lange Vorbereitungsphase und das Sammeln von Signaturen für eine einzige gebündelte Ausführung.

Elliptic mahnt allerdings zur Zurückhaltung: Tempo und Methodik der Geldwäsche wichen von früheren nordkoreanischen Operationen ab, und eine veröffentlichte Ursachenanalyse fehle bislang. Binance selbst hat niemanden benannt.

Was als Nächstes kommt, lässt sich aus den bisherigen Mustern ableiten. TRM erwartet den Weitertransport über Bridges, Tauschdienste und außerbörsliche Händler – und die rund 2,4 Milliarden Dollar, an die kein Emittent herankommt, sind der Teil dieser Geschichte, der uns noch Monate begleiten wird.