
Als ich neulich vor dem Regal im Elektronikmarkt stand – eigentlich nur, um ein Kabel zu kaufen – beobachtete ich ein Paar, das ratlos vor der AVM-Wand stand. In der einen Hand die rote Box der FRITZ!Box 7590, in der anderen die deutlich kleinere 7530. Der Preisunterschied? Fast 80 Euro.
Der Verkäufer ratterte die üblichen Phrasen herunter: „Die Große ist schneller“, „besseres WLAN“, „Zukunftssicherheit“. Das Übliche. Doch in den Foren und in meiner eigenen Praxis als Netzwerktechniker sieht die Realität oft anders aus. Man liest von Sync-Abbrüchen beim Flaggschiff oder Hitzeproblemen, während der kleine „Bruder“ stabil läuft.
Ich habe mich entschieden, diesen Vergleich so anzugehen wie eine Code-Analyse: Wir schauen nicht auf das Marketing-Label, sondern auf die Architektur. Wir analysieren, wo der Flaschenhals wirklich liegt – im Router oder in deinem Smartphone.
Die Architektur: Was ist eigentlich der Unterschied?

Auf den ersten Blick sind beide Supervectoring-Router (VDSL bis 300 Mbit/s). Beide nutzen FRITZ!OS. Doch wenn man das Gehäuse öffnet (metaphorisch), sieht man zwei völlig unterschiedliche Philosophien.
Die Fritzbox 7590 ist das Schlachtschiff. Sie ist auf „Legacy“ und auf maximale theoretische Last ausgelegt. Sie hat ISDN-Chipsätze (S0-Bus) für uralte Telefonanlagen und ein massives Antennen-Array.
Die FRITZ!Box 7530 ist die radikale Reduktion auf das Wesentliche. Keine ISDN-Altlasten, kleinerer Formfaktor, weniger Stromverbrauch.
Doch die entscheidende Frage ist: Spürst du das im Alltag?
Die große MIMO-Lüge (4×4 vs. 2×2)
Im Marketing wird die 7590 mit „bis zu 1.733 MBit/s“ im 5-GHz-Band beworben. Die 7530 schafft „nur“ 866 MBit/s. Das klingt nach einem K.O.-Sieg. Aber Vorsicht – das ist Theorie, ähnlich wie Labor-Exploits, die in der freien Wildbahn selten funktionieren.

Der Grund liegt in den Antennen (MIMO – Multiple Input Multiple Output):
- Fritzbox 7590: Hat 4 Antennen (4×4 MIMO). Sie kann 4 Datenströme gleichzeitig senden.
- Fritzbox 7530: Hat 2 Antennen (2×2 MIMO).
Der Realitäts-Check: Damit du die 1.733 MBit/s der 7590 nutzen kannst, muss dein Endgerät (Laptop, Handy) auch 4 Antennen haben.
Schauen wir uns die Realität an: Ein iPhone 14? Hat 2×2 MIMO. Ein aktuelles MacBook Air? 2×2 MIMO. Die meisten Windows-Laptops? 2×2 MIMO.
Das bedeutet: Dein teures Flaggschiff-Smartphone verbindet sich mit der teuren 7590 exakt so schnell wie mit der günstigen 7530 (nämlich mit maximal 866 MBit/s brutto). Die restlichen zwei Antennen der 7590 drehen Däumchen – oder bedienen gleichzeitig ein zweites Gerät (MU-MIMO), was aber in Privathaushalten selten den spürbaren Unterschied macht.
Hürde 1: Die Anschluss-Falle (ISDN & USB)
Ähnlich wie bei RCE-Sicherheitslücken kommt es auf die Umgebung an.
Die Fritzbox 7590 hat zwei Features, die für 95 % der Nutzer nutzlos, für die restlichen 5 % aber überlebenswichtig sind:
- S0-Bus (ISDN): Hast du noch eine alte Telefonanlage aus den 2000ern im Keller? Dann musst du die 7590 nehmen. Die 7530 hat diesen Port physisch nicht.
- Analog-Ports: Die 7590 hat zwei, die 7530 nur einen.
Das USB-Dilemma:
Beide haben USB 3.0. Aber hier zeigt sich der Unterschied in der CPU-Leistung. Wenn du eine Festplatte an die 7530 hängst, um sie als NAS zu nutzen, bricht die Datenrate oft ein, weil der Prozessor der kleinen Box am Limit läuft. Die 7590 hat hier mehr „Hubraum“. Wer sein NAS ernst nimmt, nutzt aber ohnehin keine Fritzbox, sondern ein Synology oder QNAP.
Hürde 2: Die Thermik und der Sync
Ein oft verschwiegenes Thema in Reviews: Wärme. Die 7590 steht (in der Standard-Version) oder liegt flach, hat aber leistungsstarke Chips. Sie wird warm. Sehr warm. In engen Verteilerschränken kann das zu Instabilität führen.
Die 7530 ist kompakter und wird zwar auch warm, hat aber weniger hitzköpfige Komponenten.
Interessanterweise berichten viele Techniker (und ich kann das bestätigen), dass die 7530 an manchen „zickigen“ DSL-Leitungen sogar stabiler synchronisiert ist als das Flaggschiff. Warum? Vermutlich weil weniger Komponenten im Gerät sind, die Störsignale (Interferenzen) auf das DSL-Modem streuen könnten. Manchmal ist weniger eben mehr.
Vergleichstabelle: Die harten Fakten
| Feature | Fritzbox 7530 | Fritzbox 7590 | Der Praxis-Kommentar |
| WLAN 5 GHz | 866 MBit/s (2×2) | 1.733 MBit/s (4×4) | Auf dem Papier gewinnt 7590, real oft gleichstand. |
| WLAN 2,4 GHz | 400 MBit/s | 800 MBit/s | 7590 hat hier mehr Reichweite. |
| DSL-Modem | VDSL / SV 35b | VDSL / SV 35b | Identische Geschwindigkeit (bis 300 Mbit). |
| ISDN (S0) | Nein | Ja | Das K.O.-Kriterium für Altbauten. |
| USB | 1x USB 3.0 | 2x USB 3.0 | 7590 schneller bei Dateitransfers. |
| Stromverbrauch | 6 Watt | 9-10 Watt | 7530 spart auf Dauer Geld. |
| Preis (ca.) | 130 € | 200 € | Ist dir ISDN 70 € wert? |
Aus dem Labor in die Praxis: Mein Fazit
Wir müssen aufhören, Router nur nach der höchsten Zahl auf der Verpackung zu kaufen.
Greif zur Fritzbox 7590, wenn:
- Du zwingend eine alte ISDN-Anlage weiterbetreiben musst.
- Du ein großes Haus hast und die letzten 10 % WLAN-Reichweite auf 2,4 GHz brauchst (die 4 Antennen helfen hier tatsächlich bei der Abdeckung, nicht nur beim Speed).
- Du intensiv USB-Speicher direkt am Router nutzt.
Greif zur Fritzbox 7530, wenn:
- Du lebst in einer Wohnung (< 80–90 qm).
- Deine Endgeräte ohnehin nur 2×2 MIMO können (was fast immer der Fall ist).
- Du einfach nur stabiles Internet willst und dir 70 € Aufpreis für Features, die du nicht nutzt (ISDN), zu schade sind.
Die 7530 ist kein „Billig-Router“. Sie ist der effiziente Code, der ohne Bloatware läuft. Die 7590 ist das Enterprise-Paket – mächtig, aber für den Heimgebrauch oft Overkill.